REIN, S. (2001): Neue Erkenntnisse zur Evolutionsbiologie der germanischen Ceratiten.- Ontogenese,
Phylogenese und Dimorphismusverhalten
Freiberger Forschungshefte C492, 9: 99 - 120, 5 Abb., 4 Taf., Freiberg.

Zusammenfasssung

Bislang lag der Schwerpunkt der Ceratiten-Taxonomie auf der Berücksichtigung der Merkmale von Einzelindividuen, die nach dem typologischen Artkonzept zur Ausscheidung einer Vielzahl höherer und niederer Taxa führte.
Auf der Grundlage populationsstatistischer Untersuchungen mit biologischer Zielstellung wurde jedoch deutlich, dass sich die große Variabilität lediglich auf Populationsebene und somit auf die Art erstreckt.
Grundsätzlich besitzen alle Individuen einer Population die gemeinsamen Merkmale der Biozone und ändern diese schrittweise innerhalb eines Übergangsbereiches an den Zonengrenzen. Der allmähliche Merkmalswechsel erfolgt im Prozess einer ständigen morpho-physiologischen Anpassung an die sich ändernden ökologischen Bedingungen. Zu keinem Zeitpunkt konnte eine Art-Aufspaltung beobachtet werden. Vielmehr verläuft die gesamte Phylogenese der Gattung Ceratites in zwei durchgängig parallelen Entwicklungslinien. Deutet man dieses Dimorphismus-Phänomen mit Geschlechtsdimorphismus dann handelt es sich um den evolutiven Wandel einer Art.
Deutliche Morphologiewechsel ereignen sich übergeordnet in Zeiten großräumiger ökologischer Veränderungen in Korrelation mit der Bildung litho- und ökostratigraphischer Leitbänke. Sie basieren auf einer veränderten Überlebensstrategie mit Formen der Pädomorphose durch Akzeleration oder Retardation der Geschlechtsreife. Ein derartiges Verhaltensmuster wäre somit eine Widerspiegelung der Evolution der unterschiedlichen Ontogeniestadien.

Abstract

Up to now, the emphasis of ceratites taxonomy used to be layed on individual traits, which according to the typological method led to distinguishing a great number of higher and lower taxa.
However, investigations of population statistics aiming at biological relationships made clear that a great variability applies to a populational level only and thus to a specific level.
Basically, within a biozone all individuals of a species share common features, and these are modified within a transitional area at the zone boundaries. The gradual change of features happens as a process of a steady morpho-physiological adaptation to changing oecologic conditions. A specific splitting at any time was not observed. Rather the complete phylogeny of the genus Ceratites proceeds in two continuously parallel lines of evolution. If this phenomenon of dimorphism is explained as a sexual dimorphism then we have to do with an evolutional change of one species.
Distinct superior morphological changes occur at times of large-scale oecologic changes in connection with the formation of litho- and oecostratigraphic lead horizons. These changes result from a modified survival strategy with kinds of morphogenesis by acceleration or retardation of sexual maturity. Thus, such a behavioural pattern would reflect the evolution of different ontogenetic stages.