Rillenbildung bei Germanonautilus

Bei Fressfeindattacken mit punktueller Verletzung der dünnen Schale des Ceratiten-Gehäuses wurde häufig das darunter haftende Mantelepithel geringfügig mit verletzt. Abhängig von der Dimension der Epithel-Reizung kam es danach beim weiteren Gehäuse-Wachstum zu einer an das Hypostracum laminierten Kalkschwiele. Auf Steinkernen erscheint die nach innen erhabene Schwiele dann als Rille. Gelegentlich bleiben davon Reste in Form von Conellen erhalten.
Wegen seiner bedeutend dickeren Schale waren von Germanonautilus derartige punktuelle Schaleneinbrüche bisher nicht bekannt. Fressfeinde die ein Germanonautilus-Gehäuse knacken konnten scheinen zu fehlen. Der Fund eines Steinkerns von Germanonautilus tridorsatus mit einer Rillenbildung ist deshalb ein Sonderfall.


Bei Schalenerhaltung wäre von außen lediglich die punktuelle Einbruchstelle sichtbar, die beim Gehäuse-Wachstum vom Epithel ausgeschiedene nach innen gewölbte Struktur bliebe verdeckt. Die stempelförmig erhabene Kalkschwiele wird erst nach Lösung der Schale auf dem Steinkern als Rille sichtbar. Derartige Bildungen entstehen in einem beliebigen Abstand zur Gehäusemündung und behalten diesen Abstand zum Mundsaum konstant bei. Auf diese Weise kann der Zeitpunkt der Verletzung exakt ermittelt werden.

Rillenbildungen auf den Gehäusen der rezenten Nautiliden sind nicht selten. Sie sind häufig das Ergebnis von Rivalenkämpfen. Ein Vergleich der auf diese Weise entstandenen Narbe des rezenten Nautilus pompilius mit der ähnlich aussehenden Rille des Germanonautilus tridorsatus offenbart die grundsätzlich bestehenden anatomisch/physiologischen Unterschiede beider Formen.

Real handelt es sich um zwei grundverschiedene Bildungen. Rillenbildungen auf Nautilus-Schalen entstehen nach Schalen-Frakturen kombiniert mit Verletzungen des Mundsaum-Epithels. Rillen des rezenten Nautilus haben ihren Ursprung immer am interimistischen Mudsaum und reichen jeweils bis zur Mündung. Die Narbe der obersten Schalenschicht (Ostracum) bleibt außen sichtbar bestehen. Sie wird nach innen (Hypostracum) geglättet und erschiene auf einem Steinkern ohne Hinweis auf die Verletzung.
Die Rille des Germanonautilus entstand durch punktuellen Schaleneinbruch auf der Wohnkammer deutlich vor der Trichtermündung. Diese Distanz zum Mundsaum bleibt beim Gehäuse-Wachstum konstant und ist mit dem Rillenende dokumentiert. Die in dieser Zeit vom Weichkörper-Epithel von innen an das Hypostracum laminierte Kalkschwiele war von außen nicht zu sehen und wurde erst nach Lösung der Schale auf dem Steinkern als Rille
sichtbar. Damit kann auf dem Steinkern sowohl der ontogenetische Zeitpunkt der Verletzung, die Position des Angreifers und die Überlebensdauer exakt ermittelt werden.


Zum Zeitpunkt der Verletzung hatte das Gehäuse einen Durchmesser von ca. 10 cm. Der Abstand des punktuellen Schalenbruchs zur Trichtermündung blieb bis zum Tod des Individuums immer konstant.
Im Unterschied zur Rillenbildung auf den Nautilus-Schalen, war diese Bildung auf dem Gehäuse nicht sichtbar.
Im Ursprungsbereich der Rille wird auf dem Phragmokon eine weitere Besonderheit sichtbar. Neben den dunklen Lagen, die einen hohen Anteil an Conchin belegen, fehlen in diesem Bereich die Septen. Dieses bekannte Erscheinungsbild belegt auch hier die Anlage von Sekundärschalen (forma conclusa). Ihre Bildung scheint mit dem Zeitpunkt der Verletzung überein zustimmen. Somit könnte ihre kausale Ausbildung auf das gleiche traumatische Ereignis zurückzuführen sein.

Die Fähigkeit zur Rillenbildung auf dem Steinkern eines Germanonautilus tridorsatus ist der Beweis dafür, dass der Weichkörper von Germanonautilus flächig am Ostracum und Hypostracum haften musste. Damit werden grundsätzlich bestehende anatomisch/physiologische Unterschiede zwischen beiden Formen offen gelegt.