Forma fastigata - genetisch oder traumatisch verursacht?

Skulpturelle Bildungen der Ceratiten-Ventralseite werden allgemein mit dem Begriff fastigat bezeichnet. Ursprünglich besaßen Individuen mit extrem ausgebildetem „fastigatus"-Merkmal Artstatus (z.B. Ceratites fastigatus CREDNER, Ceratites fastigiotenuis ROTHE usw.). Sie waren und sind wegen ihrer exotisch wirkenden Morphologie ein begehrtes Sammler-Objekt.
Dazu ist folgendes zu bemerken: Ceratiten mit ventralen Skulpturelementen (forma fastigata) besitzen keinen nomenklatorischen Status. Sie sind auch nicht selten, wenn man alle Stufen ihrer Ausbildung (feinste Rippelbildung bis kräftige Rippen) auf gut erhaltenen Steinkernen einbezieht.

Die Ventralseite der Biospezies Ceratites nodosus kann ebenflächig oder gewölbt, breit oder schmal, glatt oder skulpturiert, marginal kantig oder gerundet sein. Der Ursprung für diese Merkmalsvielfalt liegt in der heterogenen Zusammensetzung der Immigranten-Populationen im neu entstandenen Lebensraum „Oberes Muschelkalkmeer". Beim Integrationsprozess der verschiedenartigen phänotypischen Immigranten-Morphen kommt es zur größten genetischen Vielfalt in der Ceratitenentwicklung. Die „exotischste" Besonderheit einer dieser Einwanderer-Gruppen ist die Ausbildung ventraler Skulpturelemente.

Fast zwei Drittel aller heterogenen Individuen dieser neu entstandenen Fortpflanzungsgemeinschaft bildeten dieses Merkmal in der ersten Integrationsphase aus. Der prozentuale Merkmals-Anteil „Ventralskulptur" verringerte sich von der flexuosus -Zone (Phase „a" = 63% - „b" = 61%) bis Mitte der sequens/pulcher -Zone (Phase „c" = 57%) nur geringfügig.

Auffällig ist danach jedoch der Rückgang um 50% in der oberen sequens/pulcher-Zone (Phase „d") auf 28,5%.
Bis zu den Ceratiten der spinosus -Zone bleibt dieser prozentuale Merkmals-Anteil authentisch im Genpool erhalten. Die statistische Bearbeitung der Individuen der meissnerianus/semipartitus -Zone bestätigt diesen inzwischen lückenlosen Trend bis ans Ende der nachfahrenlosen Formenreihe.

Dieses rezessive Verhaltensmuster des genetischen Merkmals einer Einwanderer-Population ist ein weiterer Beleg dafür, dass anfangs alle Individuen der heterogenen Immigranten miteinander sexuell fortpflanzungsfähig gewesen sein mussten. Auf diese Weise wird auch die ungewöhnlich große Variationsbreite der von ihrer Stammart reproduktiv isolierten Tochterart Ceratites nodosus verständlich.

KEUPP deutet fastigate Ceratiten grundsätzlich als pathologische Individuen, die im Zuge der skulpturellen Kompensation ihren lateralen Rippenbauplan auf die ventrale Außenseite des Gehäuses umgesetzt haben.
Die Aussage von KEUPP, nach der alle ventral skulpturierten Ceratiten pathologische Individuen seien, ist falsch, wenn sie auf „alle" ventral skulpturierten Individuen bezogen wird.

Die Aussage von KEUPP ist richtig, wenn der „laterale Rippenbauplan auf der ventralen Außenseite des Gehäuses umgesetzt" wird. In diesem Fall handelt es sich jeweils um eine Verletzung des ventralen Mundsaum-Epithels die eine unterschiedlich große Narbe hinterlässt. Dieser Reparatur-Prozess wird als „skulpturelle Kompensation" GUEX (1968) bezeichnet. Solche Verletzungen haben, bedingt durch die Narbe, jedoch asymmetrische Gehäusebildungen zur Folge und kausal keine Gemeinsamkeit mit dem Immigranten-Merkmal.